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Weimar. (tlz) Das "glückliche Ereigniß", von Goethe rückblickend als solches stilisiert, fand vor knapp 213 Jahren in Jena statt: Am 20. Juli 1794 traf der Weimarer Dichter dort auf seinen Kollegen Schiller, und es hat, salopp gesagt, endlich "gefunkt" zwischen den beiden. Aus der Begegnung entwickelte sich über die polemische Xenien-Lust mit anschließendem Balladen-Wettbewerb eine produktive Zusammenarbeit, ja wenn man so will, beinahe so etwas wie eine klassische Dichterfreundschaft.
Jetzt startet in Weimar das "große" Ereignis - die Jahresausstellung der Klassik Stiftung im Anna Amalia- und Carl August-Jahr. Alles an ihr ist groß: der Anlass (zwei große Jubiläen), die Fläche (fast die gesamte obere Schlossetage), die Anzahl der Zimmer (30 plus Treppenhaus), der Katalog (großformatig und gewichtig), der Etat (etwas über eine Million Euro), sogar das Podium bei der Präsentation gestern im Kaminzimmer des Schlosses (fünf Herren, eine Dame). Das sei, bitteschön, angemessen für einen Gang durch ein halbes, heute klassisch genanntes Jahrhundert.
Schlossrundgang mit Kaffeepause
Der Besucher sollte für das "Ereignis Weimar - Anna Amalia, Carl August und das Entstehen der Klassik (1757-1807)" mindestens eine Tageskarte lösen, denn der Weg kann tatsächlich lang werden, noch länger als der Titel der Schau, was aber noch nichts über die Qualität des Gebotenen aussagt. Mit über 500 Exponaten - vom Braunschweiger Clavicord, an dem klein Anna üben musste, bis zum Hut, den Kaiser Napoleon getragen haben könnte, als er die Weimarer Schlosstreppe hinauf stapfte - wird die Entwicklung des kleinen Herzogtums zur "kulturellen Großmacht" dokumentiert. Die meisten Stücke sind den Sammlungen in Weimar und Jena entnommen.
Los geht´s im Gentz´schen Treppenhaus, wo die Porträts von Herzoginmutter und Sohn Carl August salutieren. Kurator Gert-Dieter Ulferts glaubt, in der chronologischen Gestaltung des Rundgangs einen "völlig neuen Ansatz" für historisch-komplexe Expositionen gefunden zu haben - tatsächlich beginnt die Schau mit Anna Amalias Ankunft in Weimar und endet mit ihrem Tode. Gezeigt wird, wie diese Frau als auch später ihr Sohn in der herzogtümlichen Provinz den geistig-kulturellen Boden bereiteten, auf dem große Geister wie Wieland, Herder, Goethe und Schiller gedeihen konnten. Das alles möge man sich in zwei bis drei Stunden erlaufen, hoffen die Ausstellungsmacher, zuzüglich zwanzig Minuten im digitalen Schloss- und zehn Minuten im Goetheschen Filmtheater. Nein, Thermosflaschen und Feldhocker sind nicht erforderlich; man kann verschnaufen oder - sofern Tageskarte - zwischendurch in einem Café oder Restaurant der Stadt verschwinden. Vorschlag: Als Treffpunkt bzw. Wiedereinstieg empfiehlt sich der güldne Pavillon, aufgestellt in Zimmer 20 nach gut der Hälfte der Laufstrecke, wo Goethe- und Schiller-Büsten einander "glücklich" guten Tag wünschen.
Apropos Pavillon: Als Orientierungshilfe fungiert die Farbdramaturgie (nicht Farbenlehre) von Klaus-Jürgen Sembach. Der Ausstellungsarchitekt hat Anna Amalias Tiefurter Musentempel, einen sechseckigen Pavillon, gleich dutzendfach "klonen" und in den Farben blau, grün, rot und creme in den Schlossräumen aufstellen lassen. So öffnen sich Portale und intime Räume, in denen, geschützt vor dem architektonischen Ambiente, ein Kapitel nach dem anderen aufgeblättert wird. Blau signalisiert Braunschweig, grün das Streben vom künstlerischen Dilettantismus zur Professionalität, rot Politik, cremefarben - oder gülden? - die Klassik.
Die Wiedergeburt der Wilhelmsburg
Zu den herausragenden Exponaten zählt das 2,7 mal 3,9 Meter große, in Öl gemalte Gruppenbild, das die bereits verwitwete Herzogin im Kreis ihrer Braunschweiger Familie zeigt. Ein Höhepunkt ist die digitale Rekonstruktion der Wilhelmsburg in ihrem Aussehen vor dem Brand von 1774, die in Zusammenarbeit mit der Weimarer Firma Bennert "Monumedia" entstand und vier Säle des ehemaligen barocken Schlosses sowie Außenanlagen zeigt. Ein anderer die mit Hilfe des DNT realisierten Hexen-Szenen aus Shakespeares "Macbeth" mit Schauspielmusik von Johann Friedrich Reichardt. Das streng nach den Aufführungsprinzipien der Goethe-Zeit inszenierte Spektakel kann man als Videofilm erleben.
Für den Stiftungspräsidenten Hellmut Seemann ist die Ausstellung die "Erfüllung eines lang gehegten Planes", dessen Verwirklichung über Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich "Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800" der Schiller-Universität möglich wurde. Das Großforschungsunternehmen (26 Teilprojektleiter, 33 wissenschaftliche Mitarbeiter, 79 Hilfskräfte) betrachtet Weimar und Jena als Doppelstadt. Seemanns Anna-August-Klassik-Schau ist als ein weitläufiges Bildungsprogramm das Ereignis der Stiftung. Ob auch ein glückliches, mag jeder für sich herausfinden.
1. April bis 4. November, Schlossmuseum Weimar, Di-So 10-18 Uhr; Eintritt 7.50 Euro, erm. 5.50 Euro, Schüler 2.50 Euro;Ausstellungskatalog "Ereignis Weimar", 352 S. mit 270 farb. Abb., 39.90 Euro (29 Euro in der Ausstellung)
29.03.2007 Von Frank Quilitzsch
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