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Im Jahre 1691 öffnet Herzog Wilhelm Ernst im wiederaufgebauten Schloss seine Büchersammlung. Aus der bis dahin privaten wird eine öffentlich nutzbare Bibliothek; sie verbleibt jedoch weiterhin im Schloss unter der Aufsicht des Herzogs und ist mit etwas mehr als 800 Bänden von eher bescheidenem Umfang. Bedeutung erlangt die Sammlung erst wieder durch die spektakulären Ankäufe berühmter Privatbibliotheken. Dem Direktor der Bibliothek Konrad Samuel Schurzfleisch und seinem Bruder und Amtsnachfolger Heinrich Leonhard Schurzfleisch gelingt es zwischen 1701 und 1706, die damals in ganz Europa berühmten Gelehrtenbibliotheken Liliensteins, Logaus und Gudes für Weimar zu erwerben – zusammen weit über 10.000 Bände. Heinrich Leonhard Schurzfleisch wird jedoch wenige Jahre später zur tragischen Figur der Bestandsvermehrung. Der Professor aus Wittenberg besitzt selbst eine umfangreiche Büchersammlung mit mehr als 8.000 Bänden. Als er 1718 aus Geldnot Bücher an den Gothaer Hof und später nach Halle verkaufen will, wird der Herzog auf ihn aufmerksam. Er bekundet Interesse an Schurzfleischs Büchersammlung, wünscht aber zugleich Rapport über dessen Handel mit der – wohlgemerkt – privaten Sammlung. Schurzfleisch erklärt sich sofort zum Verkauf bereit und nennt seinen Preis: 15.000 Taler bei sofortiger Barzahlung – ein Vermögen, das etwa 35 Jahresgehältern eines hohen Hofbeamten entspricht. Wilhelm Ernst lehnt ab. Zugleich setzt er eine Untersuchungskommission auf Schurzfleisch an, die, wie es nicht weiter verwundert, über die Arbeit des Bibliothekars ein vernichtendes Urteil fällt. Als Schurzfleisch 1721 erneut den Versuch unternimmt, seine Privatsammlung zu verkaufen, schlägt der Herzog zu: die Bibliothek wird im Gasthof „Elephant“ beschlagnahmt. Die ihm verbleibenden Lebensmonate verbringt der von schwerer Krankheit gezeichnete Bibliothekar damit, Bittgesuch um Bittgesuch zur Freigabe seiner Bücher an den Herzog zu schicken. Wilhelm Ernst weigert sich. Stattdessen lässt er Schurzfleisch ausrichten, dessen Anstellung sei unter der Voraussetzung erfolgt, dass seine private der herzoglichen Bibliothek zufalle. Schurzfleisch solle dies anerkennen, auf seine Besoldung verzichten und Schadensersatz für die im Kommissionsbericht aufgezeigten Fehler leisten. Kurz darauf stirbt Schurzfleisch als gebrochener Mann. Erst Herzogin Anna Amalia führt die Weimarer Bibliothek auch ohne feindliche Übernahmen zur Blüte, lässt den Büchern und damit ihrem aufgeklärten Staatsmodell einen Tempel der Bildung und Literatur bauen. Ihr Schwiegervater Ernst August, ein vom „Bauwurmb“ befallener Regent, hatte seine Mittel wenige Jahre zuvor noch darauf verwendet, während seiner Regierungszeit mehr als 20 Schlösser und Jagdhäuser bauen zu lassen; den Büchersaal aber ließ er einfach versiegeln. Die Herzogin dagegen beschließt kurz nach ihrem Regierungsantritt 1759, der herzoglichen Bibliothek ein eigenes Gebäude zuzuweisen – Mitte des 18. Jahrhunderts noch eine Seltenheit. Das Grüne Schloss, ein zu diesem Zeitpunkt 200 Jahre altes und in einem Garten gelegenes Renaissanceschlösschen, wird zum Schauplatz eines großen Entwurfs: Landbaumeister August Friedrich Straßburger entkernt die beiden Obergeschosse des Hauses, entfernt die alten Decken und schafft so einen einzigen großen Innenraum. Hölzerne Stützen, mit Holz verkleidet und sparsam mit Stuck verziert, schaffen mit einfachen baulichen Mitteln eine harmonische Raumgliederung und einen atemberaubenden Innenraum. Der repräsentative Raum wirkt wie eine Hallenkirche mit Emporenrundgang, zwischen den Stützen stehen Regale: der ganze Raum erscheint wie aus Büchern erbaut. Zahlreiche Büsten und Gemälde inszenieren schon zu Lebzeiten der Weimarer Heroen eine Kultur der Erinnerung. Ab 1766 stehen hier im Saal 30.000 Bücher – eine Zahl, die sich im 19. Jahrhundert mehr als verdreifacht.
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